Grußwort von Dieter Jarzombek, Calumed e. V.

Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, habe ich mir selbst oft gestellt. Welche Kraft lässt Menschen immer wieder hoffen und trotz aller Schicksalsschläge, Heimsuchungen und Widerstände neue Anfänge wagen?

Wenn wir einen Stein von einem Ameisenbau herunterheben, sehen wir darunter die Ameisenkolonie scheinbar hektisch aber doch unbeirrt, wieder eine neue schützende Ordnung herzustellen. Aber wir Menschen sind keine Ameisen, und um aus dem Kampf ums Überleben wieder ein Bemühen um Lebenskunst und Lebenslust zu machen, brauchen wir mehr. Aber worin besteht dieses Mehr?

Die Tradition des Sufitums ist für mich persönlich eine, in der ich die Geheimnisse, Zauber und Wahrheiten des Lebens als am Besten aufgehoben erfahre. Pir Vilayat Khan, ein großer Vertreter dieser Tradition hat einmal gesagt: „Es gibt nur eine Heilige Schrift. Das große Buch der Natur.“ Bin ich in unserem Refugium, ganz in der Nähe unseres Kongressortes, dann kann ich in dieser heiligen Schrift lesen und immer wieder staunen über das Wunder des Lebens. Wenn ich die Blüten und Knospen sehe, die Zweige der Bäume, wie sie alle dem Licht entgegenstreben, wenn ich all die Wesen betrachte, die Käfer, Insekten, Vögel und die vielen anderen nichtmenschlichen Lebewesen, dann drängt sich mir oft der Eindruck auf, alles Leben sei durch das Streben nach Begegnung und Beziehung gekennzeichnet, nach Liebe und Kontakt. Als sei dies das Treibmittel der Schöpfung, die Energie, die alles werden lässt.

Es existiert eine lange Tradition von Metaphern, die den allumfassenden Zusammenhang aller Wesen widerspiegeln. Mir gefällt das buddhistische Bild von Indras Netz - die Vorstellung, dass jedes empfindungsfähige Wesen ein Knoten in einem weit gespannten Netz ist. In der Physik würde man von einem Schwingungsknoten sprechen und dadurch das Bild um eine weitere Facette der gegenseitigen Schwingungen bereichern. Aus der Tatsache einer grenzenlosen wechselseitigen Resonanz und gegenseitigen Beeinflussung folgt, dass jedes Wesen gleichermaßen wertzuschätzen, zu Ehren und zu schützen ist.

Gemäß der Natur dieses Netzes kann man keinen einzigen Faden beschädigen, ohne allen anderen Schaden zuzufügen und somit eine wahre Kaskade der Zerstörung in Gang zu setzen. Ebenso kann umgedreht eine empathische, liebende und konstruktive Einmischung einen Effekt positiver Wirkung entfalten und immer neue Kreise ziehen. Alles Dasein ist demnach ein Mitsein, das seine Lebensinteressen mit denen, der Anderen zu vereinbaren hat - als „Leben, das leben will“ (A. Schweitzer).

Eine weitere Stärke dieses Gedankengebäudes liegt in der Einsicht, dass kein Einzelnes aus individuellen Elementen besteht, so wie keine Sprache und kein Land und keine Nation aus essentiellen, ihr allein eigenen Elementen zusammengesetzt ist. Im Gegenteil! Das Trennende ist stets nur eine momentane Differenz, eine Flüchtigkeit der Geschichte.

CALUMED hat sich mit seinen Vorhaben und Projekten immer für den Geist der Achtung vor allem Lebendigen eingesetzt und sich schon vor mehr als zwanzig Jahren den Gedanken der Ökotherapie zueigen gemacht. 2008 haben wir eine Fachtagung zu diesem Thema durchgeführt und die Fragestellungen des diesjährigen Kongresses sind u. a. auch aus den dabei erörterten Inhalten hervorgegangen. Die Ökotherapie – wie wir sie verstehen - beruht auf einem Ethos, der auf eine versöhnliche Lebensweise zwischen Mensch, Welt und dem ausgerichtet ist, das größer ist als wir alle zusammen. So verstanden ist die Ökotherapie ein Handlungsprinzip, das vor dem Hintergrund der offenen Begegnung gleich-gültiger Beteiligter bereit ist, jeweils neue Lehren und Schlüsse zu ziehen. Und ich bin gespannt darauf, ob unser diesjähriger Kongress auf seine Weise ein solches Ethos zu begründen vermag.

Ich wünsche allen Beteiligten einen erkenntnisreichen Tag und viele fördernde Impulse und Einsichten.

Dieter Jarzombek