Vortrag "Zur unbewussten Dimension der Jugendkultur heute und der neuen Medien"

von Prof. Dr. Dieter Flader

Mein Ansatz einer psychoanalytischen Kulturkritik bezieht sich auf das Forschungsparadigma, das Freud in die Welt gesetzt hat, also nicht auf die von ihm entwickelte Therapiemethode. Ich schlage einen Zugang zur unbewussten Dimension sozialer Phänomene vor, der nicht einfach die therapeutische Perspektive auf "die Gesellschaft" verlängert und dabei, per Analogie, nach psychischen "Störungen" sucht. Vielmehr interessiert mich, wie jeweils das Psychische mit dem Sozialen außertherapeutisch verbunden sein kann.

Dazu erweitere ich einerseits Freuds Konzept des "unbewussten Sinns" (von "Symptomen", "Fehlleistungen" etc.) und verstehe "Symptome" nicht als Anzeichen einer vorliegenden Störung, sondern als Verlaufsformen eines Bewältigungsversuchs, der sich auf ungelöste seelische Probleme richtet; andererseits ziehe ich klinisch-therapeutische Berichte heran, die ich als ein Seismograph kultureller Erschütterungen interpretiere.

An den Beispielen "Casting-shows" (im Fernsehen) und einer bestimmten Disco-Musik zeige ich, gestützt u.a. auf Problem-Hinweise des Familientherapeuten W. Bergmann, wie wir an Vorlieben und Gewohnheiten Jugendlicher Handlungssignaturen ihres Unbewussten ablesen können. Wir gewinnen so Einsicht in ihr Gefühlsleben, die die Betreffenden uns sonst vermutlich nicht mitteilen könnten. Im Zentrum werden Schwierigkeiten der Jugendlichen mit dem Selbstwert stehen.